Es gibt diese Momente, in denen man in einen Saal blickt und merkt, dass eine Frage nicht mehr akademisch ist. Im Julius Raab Saal der Wirtschaftskammer Österreich, am Morgen des 7. Mai 2026, war so ein Moment. Die Reihen waren voll, die ersten zwei Stühle in jeder Reihe gehörten Menschen mit Notizbüchern, hinten standen Leute mit Kaffeebechern an der Wand. Die Frage, die im Raum lag, war nicht, ob Roboter kommen. Sie waren bereits da. Die Frage war, wer in Europa entscheidet, wie sie hier ankommen.
Der EDAY 2026 der Wirtschaftskammer Österreich stand unter dem Motto „Robotik und Automatisierung - Investitionen mit Zukunft". Es ist Österreichs größtes Digitalisierungsevent. In diesem Jahr hat es einen Charakter angenommen, den man nicht mehr nur Konferenz nennen kann. Es war ein Frühwarnsystem.
Elf Prozent. So viele österreichische Unternehmen setzen heute Roboter ein. In der Produktion sind es bereits dreizehn Prozent. Bei Betrieben mit mehr als 75 Mitarbeitenden steigt die Zahl auf dreiundvierzig Prozent, und in genau diesen Häusern sind bereits rund fünfzig Prozent der Prozesse automatisiert. Das sind keine Trendaussagen aus einer Beraterpräsentation. Das sind aktuelle Daten aus einer Umfrage der WKÖ, vorgestellt am selben Tag, an dem die Daten besprochen wurden, von Menschen, die sie tagsüber selbst produzieren.
Wer diese Zahlen liest und dann in eine durchschnittliche industrielle Halle in Österreich oder Deutschland blickt, sieht sofort die Lücke. Die produzierenden Schwergewichte rüsten um. Die kleinen und mittleren Betriebe stehen davor wie vor einer Tür, hinter der jemand bereits arbeitet, während sie noch den Schlüssel suchen. Die ehrliche Aufgabe heißt nicht, die Tür zu öffnen. Die ehrliche Aufgabe heißt, den Schlüssel zugänglich zu machen, ohne die Dinge zu vereinfachen, die nicht einfach sind.
Wer in den vergangenen zwanzig Jahren über Robotik gesprochen hat, meinte meistens etwas Schweres, Gelbes, Eingezäuntes, das in einer Linie an einer Karosserie schraubt. Das gibt es nach wie vor und es ist eine reife, ausgezeichnete Technologie. Aber im Raab Saal lag noch etwas anderes auf dem Tisch. Mobile Roboter, die durch Lager fahren. Autonome Zustellfahrzeuge der Österreichischen Post. Humanoide Systeme, die in der Produktion testweise neben Menschen arbeiten. Roboterzellen, die nicht mehr fest verschraubt sind, sondern morgens umgestellt werden, weil das Produkt es verlangt.
Die wichtigste Veränderung ist nicht, dass diese Systeme existieren. Die wichtigste Veränderung ist, dass sie immer öfter mit Menschen denselben Raum teilen. Sie sind nicht mehr eingezäunt. Sie sind kollaborativ, mobil, lernend. Und das verändert die Verantwortung, die hinter jedem einzelnen Einsatz steht. Eine Roboterzelle ist eine technische Frage. Ein autonomes System, das mit Menschen denselben Gang teilt, ist eine organisatorische, juristische, kulturelle Frage.
Beim EDAY wurde diese Verschiebung spürbar. Im Sallinger Saal sprach Gerald Greiner von BRP-Rotax über humanoide Roboter in der Produktion. Dario Stojicic von ABB Robotics Austria über robotergestützte Maschinenbeladung mit echten Stolpersteinen aus der Praxis. Clarissa Groll und das Team der Österreichischen Post über autonom arbeitende Zustellroboter. Es waren keine Visionen. Es waren Schichtberichte.
Während die operative Realität voranschreitet, ringt Europa um seinen Platz im globalen Robotik-Rennen. Auf der einen Seite stehen Volumen und Geschwindigkeit aus den Vereinigten Staaten und China. Auf der anderen Seite steht ein europäischer Anspruch, der mehr will als das schnellste Produkt. Er will, dass das Produkt anschlussfähig bleibt an die Gesellschaft, in der es eingesetzt wird. Das ist kein Luxus. Das ist eine industrielle Bedingung.
Der EU AI Act ist in Kraft, aber er reguliert künstliche Intelligenz als Software-Phänomen. Was er kaum berührt, ist die Maschine als physisch handelndes System, das sich bewegt, hebt, berührt, Menschen schützen und verletzen kann. Genau hier liegt die Lücke, die ich mit dem Konzept der Robotic Governance seit 2016 zu schließen versuche. Beim EDAY war diese Lücke kein theoretisches Argument mehr. Sie war ein praktisches Problem, mit dem die anwesenden Unternehmer und Unternehmerinnen ihren Beratern, ihren Versicherern und ihren Betriebsräten gegenübersitzen.
Die Frage, die ich in beiden Sälen aufgeworfen habe, lautet schlicht: Wenn Europa nicht in den nächsten Jahren entscheidet, welche Robotik wir wollen, wie wir sie haftbar machen, wie wir sie ausbilden und wie wir sie nutzen, dann wird die Entscheidung für uns getroffen. Vom Markt, von Lieferanten, von Standards aus anderen Wirtschaftsräumen. Das ist keine technologische Frage. Das ist eine souveränitätspolitische Frage.
Auf jeder Konferenz dieser Art lassen sich zwei Sorten von Beiträgen unterscheiden. Die einen zeigen Demos. Die anderen zeigen Schichten. Demos beeindrucken. Schichten überzeugen. Beim EDAY war der Anteil der Schichten ungewöhnlich hoch. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Jahr.
Günter Renner von Internorm erklärte, wie End-to-End-Automatisierung Vertrieb und Produktion verbindet - ein Auftrag, ein durchgängiger Fluss. Gerhard Anzinger von Anzinger Logistik beschrieb das Lager 2026 mit einem Satz, den man sich notieren sollte: „Wer nicht automatisiert, verliert. Wer falsch automatisiert, auch." Hannes Watzinger zeigte mit DigiTrans, wie automatisiertes Fahren Österreich konkrete Chancen eröffnet. Christoph Kandlhofer von voestalpine Signaling erklärte vorausschauende Anlagenökosysteme. Thomas Blumauer-Hießl von Siemens DAI zog die Linie zur Rolle des Menschen in autonomen Systemen.
Das Muster hinter all diesen Beiträgen war fast immer dasselbe. Die Technologie ist nicht das Problem. Die Technologie funktioniert. Das Problem liegt eine Etage tiefer und eine Etage höher zugleich: bei der Datenqualität, an die das System angeschlossen wird, und bei der Entscheidungsklarheit, mit der die Organisation den Ausnahmefall behandelt. Beides ist Hausaufgabe, nicht Hexerei. Aber beides bleibt häufig liegen, weil es weniger glamourös ist als die nächste Demo.
Wenn man die Vorträge des Tages sortiert und das Geräusch der Buzzwords herausfiltert, bleiben vier Hebel übrig, die in kleinen und mittleren Betrieben in den nächsten zwölf Monaten realistisch funktionieren. Sie sind kein Patentrezept, sondern eher eine Reihenfolge.
Automatisierung lohnt sich dort, wo ein konkreter Engpass schmerzt: Bestückung einer Maschine, Kommissionierung im Lager, eine Qualitätsprüfung, die jeden Freitag den halben Tag bindet. Wer das nicht zuerst benennt, kauft Technik gegen Symptome. Das ist teurer als jede Beratungsstunde.
Robotik ohne saubere Daten ist eine teure Bühne. Wer noch nie eine Materialnummer doppelt vergeben, eine Schichtaufzeichnung falsch kategorisiert oder einen Ausnahmefall nirgends dokumentiert hat, gehört in ein anderes Buch. Alle anderen brauchen vor dem Roboter zuerst einen ruhigen Vormittag mit der eigenen Datenrealität.
Wer darf das System stoppen, wenn es formal funktioniert, aber praktisch Unsinn produziert? Wer haftet, wenn der Ausnahmefall eintritt? Wer entscheidet, wann das System trainiert wird? Diese drei Fragen müssen vor dem Rollout schriftlich beantwortet sein. Nicht in einer Hochglanzpräsentation. In einem Dokument, das jemand am Montag morgen tatsächlich liest.
Die WKÖ hat beim EDAY ihre Tools sichtbar gemacht: KI-Servicestelle, KMU.DIGITAL-Förderung, die Innovation Map. Maria Lohmann von der RTR-Servicestelle hat erklärt, wie KMU mit dem AI Act in der Praxis umgehen. Das alles ist verfügbar. Wer es nutzt, spart sich Wochen an Eigenrecherche. Wer es ignoriert, zahlt zweimal: einmal für die Förderung, die in einem anderen Topf liegen geblieben ist, und einmal für den eigenen Berater.
Im Anschluss an die Keynote saßen Heidrun Bichler-Ripfel vom Institut für angewandte Gewerbeforschung, Angelika Sery-Froschauer als Vizepräsidentin der WKÖ, Dario Stojicic von ABB Robotics Austria und Thomas Novak von der FH Oberösterreich mit mir auf dem Podium. Die Diskussion hatte den seltenen Ton, der entsteht, wenn alle am Tisch wissen, worüber sie reden, und niemand etwas verkaufen muss.
Drei Punkte sind hängen geblieben. Erstens: Österreich hat eine ausgesprochen produktive industrielle Mittelklasse, die in der internationalen Wahrnehmung unterschätzt wird. Zweitens: Die Lücke zwischen den Branchenchampions und den nachfolgenden KMU wird sich nur schließen lassen, wenn die Lieferkette technologisch durchgängig denken kann. Drittens: Bildung ist der unterschätzte Hebel. Wer heute in einer Lehrwerkstatt arbeitet, wird in fünf Jahren mit Systemen umgehen, die heute noch nicht gebaut sind. Das ist keine Drohung. Das ist eine Anforderung an die Curricula.
Die zentrale Botschaft des Tages lässt sich in einem Satz fassen: Europa hat noch ein Fenster, aber es ist nicht mehr weit offen. Die nächste industrielle Dekade wird durch wenige Entscheidungen geprägt, die in den kommenden drei bis fünf Jahren fallen.
Zur Standardisierung gehört, dass europäische Normen wie ISO 10218, die neue Maschinenverordnung und VDA 5050 für mobile Roboter nicht nur geschrieben, sondern in den Werkstätten gelebt werden. Zur Souveränität gehört, dass Europa eigene Plattformen entwickelt, auf denen humanoide und mobile Systeme trainiert werden, ohne dass die Trainingsdaten auf Servern ausserhalb des Kontinents landen. Zur Bildung gehört, dass jede technische Schule, jede HTL, jede berufsbildende Akademie ihre Curricula daraufhin prüft, ob sie Schüler auf eine Welt vorbereitet, in der mobile autonome Systeme zum Inventar gehören.
Und zur Haftung gehört, dass die Lücke zwischen EU AI Act, Maschinenverordnung und Produkthaftung geschlossen wird. Sonst landen die Streitfragen vor Gerichten, die im Zweifel entscheiden müssen, ohne dass die politische Linie geklärt ist. Das ist die unangenehmste aller Optionen.
Die Berichterstattung am Tag nach dem EDAY zeichnete ein Bild, das sich mit der Realität im Saal weitgehend deckte. Der offizielle OTS-Nachbericht der WKÖ ordnete den Tag als „Wachstumstreiber für heimische Betriebe" ein und hob die Robotik-Daten der Umfrage hervor. OE24.tv lieferte einen Fernsehbericht über „Österreichs größtes Digitalisierungsevent". Der Brutkasten fasste den Tag unter der Frage zusammen, ob Robotik und Automatisierung Zukunftstreiber sein können - eine Frage, die im Saal selbst längst beantwortet wirkte. TOP News Österreich und elektro.at ergänzten das Bild mit eigenen Akzenten.
Ein guter Konferenztag ist keiner, der einen begeistert nach Hause schickt. Ein guter Konferenztag ist einer, der die nächsten drei Wochen die Tagesordnung verändert. Der EDAY 2026 hat das geschafft, weil drei Dinge gleichzeitig passiert sind. Es lagen verlässliche Zahlen auf dem Tisch. Es saßen die richtigen Praktiker im Raum. Und es wurde eine politische Frage gestellt, die nicht delegiert werden kann.
Die Frage lautet, wer in den nächsten Jahren in Europa die Robotik formt: wir, oder andere. Wenn ich nach diesem Tag eine Wette eingehe, dann diese: Es gibt in Österreich und im deutschsprachigen Raum mehr Substanz, mehr Talent und mehr industrielle Erfahrung, als die internationale Wahrnehmung vermuten lässt. Das reicht aber nicht. Es braucht jemanden, der vor dem Rollout entscheidet, was im Fehlerfall passiert. Auf der Ebene einer Maschinenhalle. Und auf der Ebene eines Kontinents.
Solange diese Frage offen ist, sind die elf Prozent eingesetzte Roboter eine schöne Zahl. Wenn sie beantwortet wird, werden daraus die strukturellen Grundlagen für die kommende industrielle Dekade.
Der EDAY 2026 der Wirtschaftskammer Österreich stand unter dem Motto „Robotik und Automatisierung - Investitionen mit Zukunft". Im Mittelpunkt standen Robotik in der Produktion, KI-gestützte Anwendungen für KMU, digitale Souveränität, Cybersicherheit sowie der praktische Umgang mit dem EU AI Act in österreichischen Betrieben.
Laut der beim EDAY 2026 präsentierten WKÖ-Umfrage setzen 11 Prozent der österreichischen Unternehmen Roboter ein. In der Produktion sind es 13 Prozent, bei Betrieben mit mehr als 75 Mitarbeitenden 43 Prozent. In diesen größeren Häusern sind rund 50 Prozent der Prozesse bereits automatisiert.
Robotic Governance ist der Ordnungsrahmen für autonom handelnde, physisch agierende Systeme. Für KMU bedeutet das vor allem drei Dinge: klare Verantwortlichkeiten vor dem Rollout, also wer das System stoppen darf und wer im Ausnahmefall haftet. Anschlussfähigkeit an verbindliche Normen wie die neue Maschinenverordnung und ISO 10218 für industrielle Robotik. Und ein realistischer Umgang mit dem EU AI Act, der KI-Software reguliert, aber die physisch handelnde Maschine kaum berührt.
Vier Hebel sind realistisch und in zwölf Monaten umsetzbar. Erstens den konkreten Engpass benennen, statt Technik gegen Symptome zu kaufen. Zweitens die eigenen Daten ehrlich prüfen, bevor Robotik darauf aufgesetzt wird. Drittens Verantwortlichkeiten und Haftung vor dem Rollout schriftlich klären. Viertens die vorhandenen Förderprogramme wie KMU.DIGITAL, die KI-Servicestelle der RTR und die Innovation Map der WKÖ pragmatisch nutzen.
Der EU AI Act reguliert künstliche Intelligenz primär als Software-Phänomen. Er adressiert kaum, was passiert, wenn ein KI-System körperlich handelt, also sich bewegt, hebt, Menschen berührt oder verletzen kann. Genau diese Lücke schließt das Konzept der Robotic Governance, das physisch handelnde Systeme in Recht, Ethik, Standards, Anreize und gesellschaftlichen Dialog einbettet.
Beide Aufzeichnungen sind in der offiziellen YouTube-Playlist der WKÖ verfügbar. Die Keynote „Robotik, KI und die nächste industrielle Dekade" findet sich unter youtube.com/watch?v=u7csYc6a_iY, die Eröffnungsdiskussion „Zukunft gestalten - Robotik und Automatisierung in der Praxis" unter youtube.com/watch?v=qHiOE_TRiKQ. Beide Videos sind Teil der EDAY-2026-Playlist auf dem WKÖ-Kanal.
Vier Entscheidungen sind zeitkritisch. Standardisierung, damit europäische Normen für humanoide und kollaborative Robotik nicht nur geschrieben, sondern in den Werkstätten gelebt werden. Souveränität, also eigene Plattformen für das Training autonomer Systeme, ohne dass Trainingsdaten den Kontinent verlassen. Bildung, damit jede HTL, jede berufsbildende Schule und jede Hochschule ihre Curricula auf autonome Robotik im Alltag ausrichtet. Und Haftung, also die Schließung der Lücke zwischen EU AI Act, Maschinenverordnung und Produkthaftung, bevor Gerichte ohne klare politische Linie entscheiden müssen.