Robotik und Automatisierung in der Praxis: Was der EDAY 2026 in Wien gezeigt hat

Es gibt diese Momente, in denen man in einen Saal blickt und merkt, dass eine Frage nicht mehr akademisch ist. Im Julius Raab Saal der Wirtschaftskammer Österreich, am Morgen des 7. Mai 2026, war so ein Moment. Die Reihen waren voll, die ersten zwei Stühle in jeder Reihe gehörten Menschen mit Notizbüchern, hinten standen Leute mit Kaffeebechern an der Wand. Die Frage, die im Raum lag, war nicht, ob Roboter kommen. Sie waren bereits da. Die Frage war, wer in Europa entscheidet, wie sie hier ankommen.

Der EDAY 2026 der Wirtschaftskammer Österreich stand unter dem Motto „Robotik und Automatisierung - Investitionen mit Zukunft". Es ist Österreichs größtes Digitalisierungsevent. In diesem Jahr hat es einen Charakter angenommen, den man nicht mehr nur Konferenz nennen kann. Es war ein Frühwarnsystem.

Die Zahl, die alles verändert

Elf Prozent. So viele österreichische Unternehmen setzen heute Roboter ein. In der Produktion sind es bereits dreizehn Prozent. Bei Betrieben mit mehr als 75 Mitarbeitenden steigt die Zahl auf dreiundvierzig Prozent, und in genau diesen Häusern sind bereits rund fünfzig Prozent der Prozesse automatisiert. Das sind keine Trendaussagen aus einer Beraterpräsentation. Das sind aktuelle Daten aus einer Umfrage der WKÖ, vorgestellt am selben Tag, an dem die Daten besprochen wurden, von Menschen, die sie tagsüber selbst produzieren.

Wer diese Zahlen liest und dann in eine durchschnittliche industrielle Halle in Österreich oder Deutschland blickt, sieht sofort die Lücke. Die produzierenden Schwergewichte rüsten um. Die kleinen und mittleren Betriebe stehen davor wie vor einer Tür, hinter der jemand bereits arbeitet, während sie noch den Schlüssel suchen. Die ehrliche Aufgabe heißt nicht, die Tür zu öffnen. Die ehrliche Aufgabe heißt, den Schlüssel zugänglich zu machen, ohne die Dinge zu vereinfachen, die nicht einfach sind.

Warum Robotik diesmal anders ist

Wer in den vergangenen zwanzig Jahren über Robotik gesprochen hat, meinte meistens etwas Schweres, Gelbes, Eingezäuntes, das in einer Linie an einer Karosserie schraubt. Das gibt es nach wie vor und es ist eine reife, ausgezeichnete Technologie. Aber im Raab Saal lag noch etwas anderes auf dem Tisch. Mobile Roboter, die durch Lager fahren. Autonome Zustellfahrzeuge der Österreichischen Post. Humanoide Systeme, die in der Produktion testweise neben Menschen arbeiten. Roboterzellen, die nicht mehr fest verschraubt sind, sondern morgens umgestellt werden, weil das Produkt es verlangt.

Die wichtigste Veränderung ist nicht, dass diese Systeme existieren. Die wichtigste Veränderung ist, dass sie immer öfter mit Menschen denselben Raum teilen. Sie sind nicht mehr eingezäunt. Sie sind kollaborativ, mobil, lernend. Und das verändert die Verantwortung, die hinter jedem einzelnen Einsatz steht. Eine Roboterzelle ist eine technische Frage. Ein autonomes System, das mit Menschen denselben Gang teilt, ist eine organisatorische, juristische, kulturelle Frage.

Beim EDAY wurde diese Verschiebung spürbar. Im Sallinger Saal sprach Gerald Greiner von BRP-Rotax über humanoide Roboter in der Produktion. Dario Stojicic von ABB Robotics Austria über robotergestützte Maschinenbeladung mit echten Stolpersteinen aus der Praxis. Clarissa Groll und das Team der Österreichischen Post über autonom arbeitende Zustellroboter. Es waren keine Visionen. Es waren Schichtberichte.

Die europäische Entscheidung, die jetzt fällt

Während die operative Realität voranschreitet, ringt Europa um seinen Platz im globalen Robotik-Rennen. Auf der einen Seite stehen Volumen und Geschwindigkeit aus den Vereinigten Staaten und China. Auf der anderen Seite steht ein europäischer Anspruch, der mehr will als das schnellste Produkt. Er will, dass das Produkt anschlussfähig bleibt an die Gesellschaft, in der es eingesetzt wird. Das ist kein Luxus. Das ist eine industrielle Bedingung.

Der EU AI Act ist in Kraft, aber er reguliert künstliche Intelligenz als Software-Phänomen. Was er kaum berührt, ist die Maschine als physisch handelndes System, das sich bewegt, hebt, berührt, Menschen schützen und verletzen kann. Genau hier liegt die Lücke, die ich mit dem Konzept der Robotic Governance seit 2016 zu schließen versuche. Beim EDAY war diese Lücke kein theoretisches Argument mehr. Sie war ein praktisches Problem, mit dem die anwesenden Unternehmer und Unternehmerinnen ihren Beratern, ihren Versicherern und ihren Betriebsräten gegenübersitzen.

Die Frage, die ich in beiden Sälen aufgeworfen habe, lautet schlicht: Wenn Europa nicht in den nächsten Jahren entscheidet, welche Robotik wir wollen, wie wir sie haftbar machen, wie wir sie ausbilden und wie wir sie nutzen, dann wird die Entscheidung für uns getroffen. Vom Markt, von Lieferanten, von Standards aus anderen Wirtschaftsräumen. Das ist keine technologische Frage. Das ist eine souveränitätspolitische Frage.

Keynote „Robotik, KI und die nächste industrielle Dekade - Was Europa jetzt entscheiden muss, bevor andere es für uns tun" beim EDAY 2026 in Wien.

Vom Pilotprojekt zur Produktivlinie

Auf jeder Konferenz dieser Art lassen sich zwei Sorten von Beiträgen unterscheiden. Die einen zeigen Demos. Die anderen zeigen Schichten. Demos beeindrucken. Schichten überzeugen. Beim EDAY war der Anteil der Schichten ungewöhnlich hoch. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Jahr.

Günter Renner von Internorm erklärte, wie End-to-End-Automatisierung Vertrieb und Produktion verbindet - ein Auftrag, ein durchgängiger Fluss. Gerhard Anzinger von Anzinger Logistik beschrieb das Lager 2026 mit einem Satz, den man sich notieren sollte: „Wer nicht automatisiert, verliert. Wer falsch automatisiert, auch." Hannes Watzinger zeigte mit DigiTrans, wie automatisiertes Fahren Österreich konkrete Chancen eröffnet. Christoph Kandlhofer von voestalpine Signaling erklärte vorausschauende Anlagenökosysteme. Thomas Blumauer-Hießl von Siemens DAI zog die Linie zur Rolle des Menschen in autonomen Systemen.

Das Muster hinter all diesen Beiträgen war fast immer dasselbe. Die Technologie ist nicht das Problem. Die Technologie funktioniert. Das Problem liegt eine Etage tiefer und eine Etage höher zugleich: bei der Datenqualität, an die das System angeschlossen wird, und bei der Entscheidungsklarheit, mit der die Organisation den Ausnahmefall behandelt. Beides ist Hausaufgabe, nicht Hexerei. Aber beides bleibt häufig liegen, weil es weniger glamourös ist als die nächste Demo.

Vier Hebel, die KMU jetzt nutzen können

Wenn man die Vorträge des Tages sortiert und das Geräusch der Buzzwords herausfiltert, bleiben vier Hebel übrig, die in kleinen und mittleren Betrieben in den nächsten zwölf Monaten realistisch funktionieren. Sie sind kein Patentrezept, sondern eher eine Reihenfolge.

Erstens: Den Engpass sauber benennen

Automatisierung lohnt sich dort, wo ein konkreter Engpass schmerzt: Bestückung einer Maschine, Kommissionierung im Lager, eine Qualitätsprüfung, die jeden Freitag den halben Tag bindet. Wer das nicht zuerst benennt, kauft Technik gegen Symptome. Das ist teurer als jede Beratungsstunde.

Zweitens: Die eigenen Daten ehrlich prüfen

Robotik ohne saubere Daten ist eine teure Bühne. Wer noch nie eine Materialnummer doppelt vergeben, eine Schichtaufzeichnung falsch kategorisiert oder einen Ausnahmefall nirgends dokumentiert hat, gehört in ein anderes Buch. Alle anderen brauchen vor dem Roboter zuerst einen ruhigen Vormittag mit der eigenen Datenrealität.

Drittens: Verantwortung vor Rollout klären

Wer darf das System stoppen, wenn es formal funktioniert, aber praktisch Unsinn produziert? Wer haftet, wenn der Ausnahmefall eintritt? Wer entscheidet, wann das System trainiert wird? Diese drei Fragen müssen vor dem Rollout schriftlich beantwortet sein. Nicht in einer Hochglanzpräsentation. In einem Dokument, das jemand am Montag morgen tatsächlich liest.

Viertens: Vorhandene Förderprogramme pragmatisch nutzen

Die WKÖ hat beim EDAY ihre Tools sichtbar gemacht: KI-Servicestelle, KMU.DIGITAL-Förderung, die Innovation Map. Maria Lohmann von der RTR-Servicestelle hat erklärt, wie KMU mit dem AI Act in der Praxis umgehen. Das alles ist verfügbar. Wer es nutzt, spart sich Wochen an Eigenrecherche. Wer es ignoriert, zahlt zweimal: einmal für die Förderung, die in einem anderen Topf liegen geblieben ist, und einmal für den eigenen Berater.

Die Podiumsdiskussion: ein ehrliches Bild Europas

Im Anschluss an die Keynote saßen Heidrun Bichler-Ripfel vom Institut für angewandte Gewerbeforschung, Angelika Sery-Froschauer als Vizepräsidentin der WKÖ, Dario Stojicic von ABB Robotics Austria und Thomas Novak von der FH Oberösterreich mit mir auf dem Podium. Die Diskussion hatte den seltenen Ton, der entsteht, wenn alle am Tisch wissen, worüber sie reden, und niemand etwas verkaufen muss.

Drei Punkte sind hängen geblieben. Erstens: Österreich hat eine ausgesprochen produktive industrielle Mittelklasse, die in der internationalen Wahrnehmung unterschätzt wird. Zweitens: Die Lücke zwischen den Branchenchampions und den nachfolgenden KMU wird sich nur schließen lassen, wenn die Lieferkette technologisch durchgängig denken kann. Drittens: Bildung ist der unterschätzte Hebel. Wer heute in einer Lehrwerkstatt arbeitet, wird in fünf Jahren mit Systemen umgehen, die heute noch nicht gebaut sind. Das ist keine Drohung. Das ist eine Anforderung an die Curricula.

Eröffnungsdiskussion „Zukunft gestalten - Robotik und Automatisierung in der Praxis" mit Heidrun Bichler-Ripfel, Angelika Sery-Froschauer, Dario Stojicic, Thomas Novak und Dominik Bösl.

Was Europa jetzt entscheiden muss

Die zentrale Botschaft des Tages lässt sich in einem Satz fassen: Europa hat noch ein Fenster, aber es ist nicht mehr weit offen. Die nächste industrielle Dekade wird durch wenige Entscheidungen geprägt, die in den kommenden drei bis fünf Jahren fallen.

Zur Standardisierung gehört, dass europäische Normen wie ISO 10218, die neue Maschinenverordnung und VDA 5050 für mobile Roboter nicht nur geschrieben, sondern in den Werkstätten gelebt werden. Zur Souveränität gehört, dass Europa eigene Plattformen entwickelt, auf denen humanoide und mobile Systeme trainiert werden, ohne dass die Trainingsdaten auf Servern ausserhalb des Kontinents landen. Zur Bildung gehört, dass jede technische Schule, jede HTL, jede berufsbildende Akademie ihre Curricula daraufhin prüft, ob sie Schüler auf eine Welt vorbereitet, in der mobile autonome Systeme zum Inventar gehören.

Und zur Haftung gehört, dass die Lücke zwischen EU AI Act, Maschinenverordnung und Produkthaftung geschlossen wird. Sonst landen die Streitfragen vor Gerichten, die im Zweifel entscheiden müssen, ohne dass die politische Linie geklärt ist. Das ist die unangenehmste aller Optionen.

Der EDAY im Spiegel der Presse

Die Berichterstattung am Tag nach dem EDAY zeichnete ein Bild, das sich mit der Realität im Saal weitgehend deckte. Der offizielle OTS-Nachbericht der WKÖ ordnete den Tag als „Wachstumstreiber für heimische Betriebe" ein und hob die Robotik-Daten der Umfrage hervor. OE24.tv lieferte einen Fernsehbericht über „Österreichs größtes Digitalisierungsevent". Der Brutkasten fasste den Tag unter der Frage zusammen, ob Robotik und Automatisierung Zukunftstreiber sein können - eine Frage, die im Saal selbst längst beantwortet wirkte. TOP News Österreich und elektro.at ergänzten das Bild mit eigenen Akzenten.

Was bleibt

Ein guter Konferenztag ist keiner, der einen begeistert nach Hause schickt. Ein guter Konferenztag ist einer, der die nächsten drei Wochen die Tagesordnung verändert. Der EDAY 2026 hat das geschafft, weil drei Dinge gleichzeitig passiert sind. Es lagen verlässliche Zahlen auf dem Tisch. Es saßen die richtigen Praktiker im Raum. Und es wurde eine politische Frage gestellt, die nicht delegiert werden kann.

Die Frage lautet, wer in den nächsten Jahren in Europa die Robotik formt: wir, oder andere. Wenn ich nach diesem Tag eine Wette eingehe, dann diese: Es gibt in Österreich und im deutschsprachigen Raum mehr Substanz, mehr Talent und mehr industrielle Erfahrung, als die internationale Wahrnehmung vermuten lässt. Das reicht aber nicht. Es braucht jemanden, der vor dem Rollout entscheidet, was im Fehlerfall passiert. Auf der Ebene einer Maschinenhalle. Und auf der Ebene eines Kontinents.

Solange diese Frage offen ist, sind die elf Prozent eingesetzte Roboter eine schöne Zahl. Wenn sie beantwortet wird, werden daraus die strukturellen Grundlagen für die kommende industrielle Dekade.

Häufige Fragen rund um Robotik, Automatisierung und den EDAY 2026

Was war das Leitthema des EDAY 2026?

Der EDAY 2026 der Wirtschaftskammer Österreich stand unter dem Motto „Robotik und Automatisierung - Investitionen mit Zukunft". Im Mittelpunkt standen Robotik in der Produktion, KI-gestützte Anwendungen für KMU, digitale Souveränität, Cybersicherheit sowie der praktische Umgang mit dem EU AI Act in österreichischen Betrieben.

Wie viele österreichische Unternehmen setzen heute bereits Roboter ein?

Laut der beim EDAY 2026 präsentierten WKÖ-Umfrage setzen 11 Prozent der österreichischen Unternehmen Roboter ein. In der Produktion sind es 13 Prozent, bei Betrieben mit mehr als 75 Mitarbeitenden 43 Prozent. In diesen größeren Häusern sind rund 50 Prozent der Prozesse bereits automatisiert.

Was bedeutet Robotic Governance konkret für KMU?

Robotic Governance ist der Ordnungsrahmen für autonom handelnde, physisch agierende Systeme. Für KMU bedeutet das vor allem drei Dinge: klare Verantwortlichkeiten vor dem Rollout, also wer das System stoppen darf und wer im Ausnahmefall haftet. Anschlussfähigkeit an verbindliche Normen wie die neue Maschinenverordnung und ISO 10218 für industrielle Robotik. Und ein realistischer Umgang mit dem EU AI Act, der KI-Software reguliert, aber die physisch handelnde Maschine kaum berührt.

Welche Hebel sollten KMU für Robotik und Automatisierung jetzt nutzen?

Vier Hebel sind realistisch und in zwölf Monaten umsetzbar. Erstens den konkreten Engpass benennen, statt Technik gegen Symptome zu kaufen. Zweitens die eigenen Daten ehrlich prüfen, bevor Robotik darauf aufgesetzt wird. Drittens Verantwortlichkeiten und Haftung vor dem Rollout schriftlich klären. Viertens die vorhandenen Förderprogramme wie KMU.DIGITAL, die KI-Servicestelle der RTR und die Innovation Map der WKÖ pragmatisch nutzen.

Warum reicht der EU AI Act für Robotik nicht aus?

Der EU AI Act reguliert künstliche Intelligenz primär als Software-Phänomen. Er adressiert kaum, was passiert, wenn ein KI-System körperlich handelt, also sich bewegt, hebt, Menschen berührt oder verletzen kann. Genau diese Lücke schließt das Konzept der Robotic Governance, das physisch handelnde Systeme in Recht, Ethik, Standards, Anreize und gesellschaftlichen Dialog einbettet.

Wo finde ich die Aufzeichnungen der EDAY-Keynote und der Podiumsdiskussion?

Beide Aufzeichnungen sind in der offiziellen YouTube-Playlist der WKÖ verfügbar. Die Keynote „Robotik, KI und die nächste industrielle Dekade" findet sich unter youtube.com/watch?v=u7csYc6a_iY, die Eröffnungsdiskussion „Zukunft gestalten - Robotik und Automatisierung in der Praxis" unter youtube.com/watch?v=qHiOE_TRiKQ. Beide Videos sind Teil der EDAY-2026-Playlist auf dem WKÖ-Kanal.

Welche europäischen Entscheidungen sind für die nächste industrielle Dekade kritisch?

Vier Entscheidungen sind zeitkritisch. Standardisierung, damit europäische Normen für humanoide und kollaborative Robotik nicht nur geschrieben, sondern in den Werkstätten gelebt werden. Souveränität, also eigene Plattformen für das Training autonomer Systeme, ohne dass Trainingsdaten den Kontinent verlassen. Bildung, damit jede HTL, jede berufsbildende Schule und jede Hochschule ihre Curricula auf autonome Robotik im Alltag ausrichtet. Und Haftung, also die Schließung der Lücke zwischen EU AI Act, Maschinenverordnung und Produkthaftung, bevor Gerichte ohne klare politische Linie entscheiden müssen.

Robotic Governance - Warum autonome Maschinen jetzt einen Ordnungsrahmen brauchen

Humanoide Roboter laufen durch Lagerhallen. Autonome Fahrzeuge treffen Ausweichentscheidungen in Millisekunden. Chirurgische Assistenzsysteme führen Eingriffe durch, bei denen kein Chirurg mehr direkt am Instrument tätig ist. Das sind keine Zukunftsszenarien - das ist der Stand von 2024. Der EU AI Act ist in Kraft getreten, aber er reguliert künstliche Intelligenz als Software-Phänomen. Was er kaum berührt: die Maschine als physisch handelndes System, das Menschen bewegt, berührt, schützt oder verletzt. Genau diese Lücke ist der Ausgangspunkt von Robotic Governance - einem Konzept, das seit 2016 akademisch verankert sowie auf Wikipedia dokumentiert ist - und heute drängender wirkt als je zuvor.


Was Robotic Governance bedeutet

Der Begriff wurde 2016 in einem wissenschaftlichen Kontext erstmals verwendet - in einem Promotionsvorhaben an der Technischen Universität München, betreut durch Klaus Mainzer. Die erste Fachveröffentlichung erschien auf der IEEE/RSJ International Conference on Intelligent Robots and Systems (IROS) 2016. Ein erweitertes Kapitel folgte im Springer-Sammelband zur Robotic Governance. Beide Publikationen verankern das Konzept akademisch und definieren seinen Geltungsbereich.

Robotic Governance bezeichnet den Ordnungsrahmen für die verantwortungsvolle Forschung, Entwicklung, Implementierung sowie den Umgang mit zunehmend intelligenteren und autonom handelnden Maschinen. Der Ansatz ist holistisch: Er bezieht Forschung, Gesellschaft, Religion, Politik, Industrie und Gewerkschaften ein und zielt auf Konsensbildung durch Diskursethik - nicht auf einseitige Regulierung von oben.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Robotic_Governance

Robotic Governance ist keine Unterabteilung von Corporate Governance, IT Governance oder Technology Governance. Corporate Governance regelt die Unternehmensführung - Aufsichtspflichten, Rechenschaftspflichten, Aktionärsrechte. IT Governance befasst sich mit der strategischen Steuerung von Informationssystemen. Technology Governance behandelt die gesellschaftliche Einbettung von Technologie im weiteren Sinne.

Robotic Governance ist spezifischer und zugleich breiter: Sie bezieht sich ausdrücklich auf Systeme, die physisch in der Welt handeln, die Kräfte ausüben, die sich bewegen und die dabei in direktem Kontakt mit Menschen stehen. Ein Chatbot, der falsche Informationen liefert, ist ärgerlich. Ein autonomes Transportsystem, das falsch entscheidet, verletzt Menschen. Das ist der Unterschied, der den eigenen Ordnungsrahmen rechtfertigt.

Der vollständige Wikipedia-Artikel zum Begriff findet sich unter: de.wikipedia.org/wiki/Robotic_Governance. Er enthält auch Hinweise auf das Robot Manifesto als Ergebnis des diskursethischen Ansatzes - Verhaltenskodizes und prozessuale Normen wie Ethikkommissionen, die Konflikte im Einzelfall lösbar machen sollen, bevor Politik und Verbände eingreifen müssen.


Die Lücke im AI Act und Robotic Governance als Lösung

Der EU AI Act, der 2024 in Kraft trat, ist ein erster ernsthafter Versuch, künstliche Intelligenz regulatorisch zu fassen. Er klassifiziert KI-Systeme nach Risikostufen, schreibt Transparenzpflichten vor und definiert verbotene Anwendungen. Das ist notwendig und richtig.

Aber: Der AI Act reguliert KI als Softwaresystem. Ein Sprachmodell, ein Bildklassifikator, ein Empfehlungsalgorithmus - das sind seine typischen Objekte. Roboter sind mehr. Ein Industrieroboter mit 200 Kilogramm Eigengewicht, der Bauteile mit 1.500 Newton Greifkraft bewegt, ist kein Softwaresystem. Er ist ein mechatronisches System mit Aktorik, Sensorik, Echtzeit-Steuerung und physischer Wirkung in der Welt. Der AI Act erfasst die eingebettete Intelligenz in diesem System - aber nicht die Maschine selbst.

Was der AI Act nicht regelt:

Die Folge ist konkret: Ein Unternehmen, das heute einen autonomen Industrieroboter mit integrierter KI entwickelt, muss gleichzeitig den AI Act, die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG, die neue Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, relevante ISO-Normen und branchenspezifische Standards beachten - ohne dass jemand diese Puzzleteile zu einem kohärenten Ordnungsrahmen zusammengesetzt hat. Der Compliance-Aufwand ist real, die Überschneidungen sind komplex, und die Interpretationsspielräume sind groß. Genau das ist die Aufgabe von Robotic Governance: nicht ein weiteres Regelwerk zu schaffen, sondern die vorhandenen Bausteine in einen zusammenhängenden Rahmen zu bringen.


Die fünf Säulen von Robotic Governance

Robotic Governance ist kein Einzelinstrument. Sie ist ein Rahmen, der verschiedene Steuerungsebenen zusammenbringt. Fünf Säulen bilden das Gerüst - entwickelt und beschrieben in den Originalarbeiten von 2016 und fortgeschrieben in der akademischen Diskussion seither.

1. Rechtsrahmen

Gesetze und Verordnungen setzen die verbindliche Basis. Der EU AI Act ist ein Baustein, aber kein vollständiges Gebäude. Notwendig sind klare Haftungsregeln für autonome Systeme: Wenn ein KI-gesteuerter Roboterarm in der Produktion einen Mitarbeiter verletzt, ist die Haftungsfrage heute in vielen Jurisdiktionen offen. Wer haftet - der Roboterhersteller, der Systemintegrator, das betreibende Unternehmen, oder der Entwickler des KI-Modells? Die Produkthaftungsrichtlinie der EU wurde 2024 überarbeitet, aber sie war nicht primär für lernende, sich verändernde autonome Systeme konzipiert.

Zusätzlich braucht es eine Klärung der Rechtspersönlichkeit von Maschinen in spezifischen Kontexten: Ein autonomes Fahrzeug, das als Vertragspartner auftritt, oder ein Roboter-Assistent, der in einer Pflegeeinrichtung eigenständige Entscheidungen über Medikamentengabe trifft - hier fehlen klare rechtliche Kategorien. Die EU-Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber sie wurde ohne explizite Koordination mit dem AI Act entwickelt. Diese Lücke zwischen den Regelwerken ist das eigentliche strukturelle Problem.

2. Ethische Leitplanken

Rechtliche Mindestvorgaben reichen nicht aus, wenn Maschinen Entscheidungen treffen, die moralisch aufgeladen sind. Wer hat Vorrang: der Fahrgast im autonomen Fahrzeug oder der Fußgänger? Welche Priorität hat die Selbstschutzfunktion eines Roboters gegenüber einem Menschen in unmittelbarer Nähe? Wie bewertet ein humanoider Pflegeroboter konkurrierende Bedürfnisse eines demenzkranken Patienten?

Diese Fragen lassen sich nicht vollständig in Normen codieren. Ethische Leitplanken müssen daher als explizite Designanforderungen in Entwicklungsprozesse integriert werden - nicht als nachträgliche Überprüfung, sondern als Eingabe in die Systemarchitektur. Der IEEE 7000 Standard für ethisch ausgerichtetes System-Design bietet hier einen anwendbaren Rahmen: Er definiert Methoden zur Identifikation ethischer Anforderungen, zur Gewichtung konkurrierender Werte und zur Nachweisbarkeit ethischer Design-Entscheidungen im Audit.

3. Technische Standards

Standards übersetzen abstrakte Anforderungen in konkrete Konstruktionsvorgaben. Ohne sie bleibt Governance abstrakt. Für Robotic Governance sind besonders relevant:

Standards sind keine bürokratische Last. Sie sind die Sprache, in der Governance operativ wird. Ein Unternehmen, das nach ISO 10218 zertifiziert ist und VDA 5050 implementiert hat, kann gegenüber Kunden, Aufsichtsbehörden und Versicherungen nachweisen, was sein System kann - und was nicht.

4. Wirtschaftliche Anreize

Regulierung allein genügt nicht. Wenn Compliance teurer ist als das kalkulierte Risiko eines Vorfalls, wird Compliance vermieden - vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen, wo Ressourcen begrenzt sind. Robotic Governance braucht daher Anreizsysteme, die Compliance wirtschaftlich attraktiv machen.

Das kann über verschiedene Hebel geschehen: Versicherungsmodelle, die nachweislich sicherere Systeme mit niedrigeren Prämien belohnen; Zertifizierungswege, die Marktzugang erleichtern statt ihn zu blockieren; öffentliche Beschaffungsregeln, die Governance-konforme Systeme bevorzugen. Ein Unternehmen, das nachweislich nach ISO 10218 zertifiziert ist, VDA 5050 implementiert hat und IEEE 7000 in seinen Entwicklungsprozess integriert hat, sollte bei öffentlichen Ausschreibungen messbare Vorteile haben. Das wäre Governance mit wirtschaftlicher Wirkung - und keine bloße Compliance-Übung.

5. Gesellschaftlicher Dialog

Technische Systeme, die in Pflege, Bildung, öffentlichem Raum und Produktion wirken, brauchen gesellschaftliche Legitimation. Diese entsteht nicht durch Pressemitteilungen, sondern durch strukturierten Dialog. Das bedeutet: Bürgerbeteiligung bei kommunalen Robotik-Projekten, bevor die ersten Systeme rollen; Gewerkschaftsbeteiligung bei der Einführung autonomer Systeme in Fabriken, nicht nach der Entscheidung, sondern davor; offene, empirisch fundierte Debatten über den Einsatz von Robotern in sensiblen Bereichen wie Kinderbetreuung, Altenpflege oder Strafvollzug.

Robotic Governance ohne gesellschaftlichen Dialog ist Technokratie. Mit strukturiertem Dialog wird sie zu einem belastbaren sozialen Vertrag, der auch dann hält, wenn ein System versagt und die öffentliche Debatte beginnt. Denn in diesem Moment wird nicht das System bewertet, sondern der Prozess, durch den es in die Welt gekommen ist.


Robotic Natives und die Generation R

Alle fünf Säulen richten sich an heutige Akteure: Unternehmen, Regulatoren, Ingenieure, Ethiker, Gewerkschafter. Aber Governance ist keine Momentaufnahme. Sie muss auch für die Menschen entworfen werden, die mit diesen Systemen aufwachsen werden - und die in zwanzig Jahren die Entscheidungen darüber treffen, was mit Robotern erlaubt ist und was nicht.

Dafür wurde 2013 auf dem Gartner CIO Summit der Begriff Generation R eingeführt - zuerst in einem Vortrag, dann in einer wissenschaftlichen Fachveröffentlichung auf der IEEE EmergiTech 2016. Die Generation R, auch als "Generation Robotik" bezeichnet, ist die erste Generation, die mit Robotern im Alltag aufwächst: mit Haushaltsrobotern, mit autonomen Fahrzeugen als selbstverständlichem Transportmittel, mit Spielzeugrobotern als erstem technologischem Begleiter, mit kollaborativen Systemen im Berufsumfeld ihrer Eltern.

Diese Generation wird als Robotic Natives bezeichnet - in Analogie zu den Digital Natives der Generation Y und Z. Der Unterschied ist wesentlich: Digital Natives wuchsen mit Bildschirmen und Netzwerken auf, mit Informationssystemen, die Daten verarbeiten. Robotic Natives wachsen mit Systemen auf, die physisch handeln, die Raum einnehmen, die Kräfte ausüben und die Entscheidungen in der physischen Welt mit physischen Konsequenzen treffen. Das prägt eine grundlegend andere Beziehung zur Technologie - und andere Erwartungen an ihre Governance.

Für Robotic Governance hat das konkrete Konsequenzen:

Häufige Fragen: Robotic Governance

Was ist Robotic Governance?

Robotic Governance bezeichnet den Ordnungsrahmen für die verantwortungsvolle Forschung, Entwicklung, Implementierung und den Umgang mit zunehmend intelligenten und autonom handelnden Maschinen. Der Ansatz ist holistisch: Er bezieht Forschung, Gesellschaft, Politik, Industrie und Gewerkschaften ein und zielt auf Konsensbildung durch Diskursethik. Er geht über den EU AI Act hinaus, indem er auch die physische Dimension autonomer Systeme, Haftungsfragen, technische Standards und gesellschaftlichen Dialog umfasst.

Wer hat den Begriff Robotic Governance geprägt?

Der Begriff Robotic Governance wurde von Dominik Bösl geprägt. Die erste wissenschaftliche Erwähnung findet sich in seinem Promotionsvorhaben an der Technischen Universität München, betreut durch Klaus Mainzer. Die erste Fachveröffentlichung erschien 2016 auf der IEEE/RSJ International Conference on Intelligent Robots and Systems (IROS), ein erweitertes Kapitel folgte in einem Springer-Sammelband zur Robotic Governance.

Was unterscheidet Robotic Governance vom EU AI Act?

Der EU AI Act reguliert künstliche Intelligenz als Softwaresystem und klassifiziert KI-Systeme nach Risikostufen. Robotic Governance geht weiter: Sie erfasst autonome Maschinen als physisch handelnde Systeme mit Aktorik, Sensorik und direktem Körperkontakt mit Menschen. Sie adressiert Haftung bei autonomen Entscheidungen, Hardware-Lieferketten, Mensch-Maschine-Interaktion in sicherheitskritischen Umgebungen und den gesellschaftlichen Dialog über Robotik - Bereiche, die der AI Act nicht oder kaum abdeckt.

Welche Standards gehören zu Robotic Governance?

Zu den zentralen technischen Standards der Robotic Governance gehören ISO 10218-1 (Sicherheitsanforderungen für Industrieroboter), VDA 5050 (Schnittstellenstandard für autonome mobile Systeme in Industrie und Logistik) und IEEE 7000 (ethisch ausgerichtetes System-Design). Hinzu kommen rechtliche Rahmenbedingungen wie der EU AI Act und die EU-Maschinenverordnung (EU) 2023/1230.

Was ist die Generation R?

Die Generation R, auch Generation Robotik genannt, ist die erste Generation von Menschen, die mit Robotern im Alltag aufwächst. Der Begriff wurde von Dominik Bösl 2013 auf dem Gartner CIO Summit eingeführt und 2016 wissenschaftlich auf der IEEE EmergiTech publiziert. Mitglieder dieser Generation werden als Robotic Natives bezeichnet, in Analogie zu den Digital Natives. Haushaltsroboter, autonome Fahrzeuge und Serviceroboter sind für sie keine Besonderheit, sondern Teil des alltäglichen Lebens.

Welche Rolle spielt VDA 5050 in der Robotik-Governance?

VDA 5050 ist ein Schnittstellenstandard für autonome mobile Roboter (AGV und AMR) in Industrie und Logistik. Er definiert, wie Fahrzeuge verschiedener Hersteller mit einer gemeinsamen Leitstelle kommunizieren. Im Kontext von Robotic Governance ist VDA 5050 eine technische Governance-Maßnahme: Sie sichert Interoperabilität, verhindert Vendor-Lock-in und ermöglicht eine transparente, herstellerübergreifende Systemsteuerung.


Robotic Governance:
Was Unternehmen jetzt tun sollten

Robotic Governance ist kein Thema für 2030. Wer heute autonome Systeme entwickelt, einkauft oder betreibt, agiert bereits in einem regulatorischen Umfeld, das sich schnell verdichtet. Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 gilt ab 2027. Der AI Act wird schrittweise angewendet. Die ersten Hochrisiko-Kategorien greifen ab 2025. Fünf Maßnahmen, die jetzt umsetzbar sind:

Kein Unternehmen muss alle fünf Punkte gleichzeitig umsetzen. Aber jedes Unternehmen, das autonome Systeme betreibt, sollte wissen, wo es bei jedem einzelnen Punkt steht - und diese Einschätzung schriftlich festhalten können.


Fazit

Robotic Governance ist kein akademisches Konstrukt, das auf bessere Zeiten wartet. Sie ist die direkte Antwort auf eine konkrete Governance-Lücke: Autonome Maschinen handeln physisch in der Welt, aber der regulatorische Rahmen wurde für Software-Systeme gebaut. Diese Diskrepanz wächst mit jeder neuen Robotergeneration - mit jeder neuen Anwendungsdomäne, mit jedem humanoiden System, das einen neuen gesellschaftlichen Kontext betritt.

Der EU AI Act ist ein wichtiger Schritt - aber er reicht nicht. Er reguliert die Intelligenz im System, nicht das System selbst. Die Maschinenrichtlinie und ISO-Normen regulieren die Mechanik, aber nicht die autonome Entscheidungslogik. Dazwischen liegt ein Raum, der Ordnung braucht. Robotic Governance beschreibt und strukturiert diesen Raum. Sie ist dabei kein Hemmnis für Innovation, sondern deren Voraussetzung: Wer nicht erklären kann, wie sein System entscheidet, wer haftet und welche Standards gelten, wird das System nicht in sicherheitskritischen Anwendungen betreiben dürfen.

Wer jetzt nicht anfängt, diesen Rahmen zu verstehen und intern zu implementieren, wird spätestens beim nächsten Regulierungszyklus unvorbereitet sein. Die Generation R wird Verantwortlichkeit einfordern, nicht Absichtserklärungen. Die Auditoren werden Dokumentation sehen wollen, keine Folien. Und die erste ernsthafte Klage gegen ein autonomes System wird die Frage stellen, ob das Unternehmen einen internen Governance-Prozess hatte - oder nur einen Roboter.

Die Robotic & AI Governance Foundation arbeitet daran, diese Lücken zu schließen - mit konkreten Frameworks, Publikationen und dem Ziel, Robotic Governance als eigenständiges Feld zu etablieren, das Technik, Recht und Gesellschaft zusammen denkt.